Motivation, Vorgehensweise und Zielsetzung

Motivation und Vorgehensweise

Die Grünau interessiert mich seit langem. Jahrelang habe ich in unmittelbarer Nähe an der Hardturmstrasse gelebt. Während meiner Ausbildung habe ich RealschülerInnen der Grünau im Schulhaus Buchlern in Zürich-Altstetten unterrichtet und nicht zuletzt ist mein Lebenspartner in der Siedlung Bernerstrasse aufgewachsen.

Als ich von den Abrissplänen der Siedlung Bernerstrasse erfahren habe, beschloss ich eine Fotoarbeit zu diesem Thema machen. Im Oktober 2002 habe ich damit begonnen, Kontakte zu den BewohnerInnen der Siedlung Bernerstrasse zu knüpfen, sie zu portraitieren, ihre Wohnungen zu fotografieren und Interviews mit ihnen zu führen. Im Verlauf dieser Arbeit bin ich zur Überzeugung gelangt, dass ich eine Dokumentation mit den Aussagen der BewohnerInnen und meinen Bildern von ihnen produzieren und veröffentlichen möchte. Das, was diese Menschen über ihre Situation und darüber hinaus über ihr Leben zu erzählen haben, möchte ich gerne einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Es ist ein Stück Stadtgeschichte, Sozialgeschichte und wirft sicher auch ein kritisches Licht auf eine Stadtentwicklung, die aus wirtschaftlichem Interesse wenig Rücksicht auf die Schwächsten unserer Gesellschaft nimmt.

Parteilichkeit und Arbeitsweise

Ich möchte die BewohnerInnen, ihr Leben und ihre Ansichten ins Zentrum meiner Arbeit stellen. Sie sollen erzählen können, wer sie sind, warum und wie sie in der Grünau leben und was der Abbruch und Umzug für sie bedeutet. Meine Arbeit ist in diesem Sinne parteiisch und engagiert sich klar für die Interessen der BewohnerInnen. Ich fotografiere die BewohnerInnen im Aussenraum der Siedlung. Es sind neutrale Farbaufnahmen, welche die Leute als Gruppen oder einzeln, je nachdem, mit wem sie zusammenleben, zeigen. Somit entsteht, wie nebenbei, auch ein Eindruck der Siedlung, da ich alle Leute an einem anderen Ort portraitiere. Ich fotografiere auch die Stube der BewohnerInnen, leer, ohne BewohnerInnen. Ich zeige ihren Lebensraum in Übersichtsbildern. Auch hier versuche ich mich jeglicher Wertung zu entziehen, denn ich möchte den Betrachtenden genug Freiraum lassen, sich eine eigene Meinung zu bilden und Details selber zu entdecken. Die Interviews mit den BewohnerInnen zeichne ich auf, erstelle eine schriftliche Version davon, die ich dann wiederum mit den BewohnerInnen bespreche und in ihrem Sinne ergänze oder abändere.

Motivation der BewohnerInnen

Die Idee einer Dokumentation gefällt den meisten von mir portraitierten BewohnerInnen sehr und sie sehen darin eine Möglichkeit, sich und ihrer Situation eine Stimme zu verleihen. Interessanterweise haben sich viele erst für meine Arbeit zu interessieren begonnen, als ich ihnen versichert hatte, dass ich keine der KünstlerInnen bin, die im Quartier ein Atelier bezogen haben. Parteilichkeit war also auch in dieser Frage für meine Arbeit von grosser Bedeutung.

An meiner Arbeit haben sich dreissig Wohnparteien (79 Personen) beteiligt; mit weiteren 20 Wohnparteien habe ich verschiedene informelle Gespräche geführt. Bei meiner Auswahl habe ich darauf geachtet, dass ich möglichst verschiedene BewohnerInnen-Gruppen portraitiere. Es sind ältere BewohnerInnen, Jugendliche, alleinerziehende Mütter, alleinstehende Personen und Familien von zwölf verschiedenen Nationalitäten vertreten. Inzwischen ist die fotografische Arbeit fertiggestellt und die Interviews werden von Esther Banz, Redaktorin der Zürcher Wochenzeitung revidiert. Die grafischen Arbeiten und das Lay-Out hat der Zürcher Grafiker Urs Gägauf übernommen. Der Zürcher Stadthistoriker Thomas Stahel wird ein Nachwort zur Geschichte und zur städteplanerischen Dimension von Abriss und Neubau der Siedlung Bernerstrasse beitragen.