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Geschichte, BewohnerInnen, Stadtplanung, Abbruch und Neubau der Siedlung BernerstrasseAbbruch und Neubau der Siedlung BernerstrasseDas Quartier Grünau liegt in Zürich, am Ende der Tramlinie 4. Eingeschlossen zwischen Limmat, Autobahn, Industrie- und Sportanlagen ist es nur durch Unter- und Überführungen mit den umliegenden Quartieren verbunden. Die Stadt Zürich wird im Frühling 2004 die 267 äusserst billigen Wohnungen der Siedlung Bernerstrasse abreissen und 150 neue und grössere Wohnungen bauen, die je nach Anzahl Zimmer doppelt oder drei Mal so viel kosten werden (vor allem 4.5 Zimmer-Wohnungen zwischen CHF 1600.- und CHF 1800.-), aber auch doppelt so gross sein werden. Die Siedlung Bernerstrasse wurde 1959 errichtet. Inhaberin ist die Zürcher Liegenschaftenverwaltung. Die Bausubstanz ist schlecht, die Wohnungen sind eng, ringhörig und architektonisch schlecht aufgeteilt, mit mehreren gefangenen Zimmern. 90% der Wohnungen sind kleiner als 55 Quadratmeter. Alle Balkone sind aus Asbest. Eine Dreizimmerwohnung kostet zwischen CHF 600.- und 800.-. Noch nie wurden in der Schweiz so viele städtische Wohnungen auf einen Schlag abgerissen. Das Projekt, bekannt unter dem Namen TransitBE+ ist von gesamtschweizerischen Bedeutung und wird vom Bundesamt für Energie, vom Bundesamt für Raumentwicklung und der ETH Zürich im Rahmen des Projekts Nachhaltige Quartierentwicklung“ als Modellvorhaben unterstützt. BewohnerInnenstrukturIm Grünau-Quartier leben etwa 4000 Menschen, davon 700 in der Siedlung Bernerstrasse. Diese BewohnerInnen haben auf dem angeheizten Zürcher Wohnungsmarkt sehr kleine Chancen, eine gleichwertige Wohnung in der selben Grösse und zu demselben Preis zu finden. Sie sind mehrheitlich ausländische Familien aus dem Balkan, der Türkei und Italien, alleinerziehende Mütter und ärmere ältere SchweizerInnen. Insgesamt sind 31 verschiedene Nationalitäten vertreten. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen beträgt über 30 %. Manche der BewohnerInnen sind arbeitslos, die meisten jedoch „working poor“, Erwachsene, die viel arbeiten, aber nur gerade genug zum Überleben verdienen. Bei einer angenommenen Armutsgrenze von CHF 1000.- steuerbarem Reineinkommen im Monat für Erwachsene und deren CHF 500.- für Jugendliche und Kinder, leben 70% der ungefähr 700 Personen, die an der Bernerstrasse wohnen, knapp an oder unterhalb der Armutsgrenze. Diese Zahlen bedeuten im Klartext, dass eine Einzelperson mit CHF 1000.- im Monat auskommen muss und eine Familie von Mutter, Vater und zwei Kindern mit CHF 3000.-. Da solche Summen nicht genügen können, erhalten 15% der BewohnerInnen der Bernerstrasse zusätzliche Fürsorgegelder. (Die statistischen Daten wurden dem Konzepthandbuch TransitBE+ der Fachstelle für Stadtentwicklung und den Statistischen Daten der Liegenschaftenverwaltung Zürich entnommen.) Die Stadt Zürich als StädteplanerinDie Siedlung Bernerstrasse ist ein Armutsgebiet. Die Zahlen sind auch für das Quartier Grünau, einem ArbeiterInnen und Arbeitslosen-Quartier, hoch und stellen für die städtische Verwaltung nicht zuletzt aus steuertechnischen Gründen ein Problem dar. Der Stadtrat spricht im Zusammenhang mit der Grünau von „Slum“, der aufgewertet werden soll. Besonders jetzt, da die angrenzenden Gebiete der Kreis 5 zu attraktivem Wohnraum für junge Gutverdienende geworden sind. Der Abriss der Siedlung Bernerstrasse wurde im Winter 1998 beschlossen. Das Ziel des Stadtrates ist erklärtermassen eine „ausgeglichenere soziale und ethnische Durchmischung der Quartiere“ zu erzeugen, die neue anvisierte MieterInnenschaft ist die sogenannte Mittelschicht . Auf eine sanfte Lösung, sprich teilweiser Abbruch und Neubau der Siedlung wurde verzichtet, weil sonst diese neue MieterInnenschaft durch die alte abgeschreckt würde (Workshopsprotokoll Fachstelle für Stadtentwicklung vom 23.9.1998). Es wird in der neuen Siedlung „Werdwies“ zwar weiterhin subventionierte Familienwohnungen geben, aber bei einer Subvention von etwa 25% werde diese Wohnungen immer noch teurer sein als die heutigen Wohnungen der Siedlung Bernerstrasse. Der Neubau wird den meisten der jetzigen BewohnerInnen zu teuer sein, mit dem Abbruch müssen sie sich von der Grünau verabschieden. Der Stadtrat entledigt sich der problematischen MieterInnenschaft und hofft darauf, dass diese sich optimal über die Stadt verteilt oder ausserhalb der Stadtgrenzen in der Agglomeration zu wohnen kommt. Ältere BewohnerInnen ermutigt die Liegenschaftenverwaltung, ins Altersheim oder direkt in ihr Heimatland zurückzuziehen. Armut wird in gewissem Sinne verdrängt, nicht bekämpft; einige der heutigen BewohnerInnen werden nach eigenen Angaben durch die teureren Mieten Fürsorge-abhängig werden, bei anderen musste der Anteil bezahlter Fürsorge-Gelder wegen des neuen Mietverhältnisses erhöht werden. Aktuelle Situation und ZwischennutzungIm Dezember 2003 leben nur noch einige wenige MieterInnen von Wohnungen der Jugendwohnhilfe in der Siedlung, ihre Verträge laufen per Ende Januar 2004 ab. Mit allen MieterInnen von städtischen Wohnungen wurde das Mietverhältnis per Ende September 2003 aufgelöst. Die leerstehenden Wohnungen wurden seit Herbst 2002 vom Verein Pro Fuge an Kunst- und Kulturschaffende zu günstigen Konditionen als Ateliers oder Proberäume vermietet, damit sie nicht leer stehen und die BesetzerInnenszene anziehen. Nach und nach soll sich die Siedlung leeren und immer mehr zu einem „Gesamtkunstwerk“ werden. „Der Abschied von der Siedlung Bernerstrasse wird quasi zelebriert“ , meint Hannah Munz, Leiterin des Gemeinschaftszentrums Grünau. Im Gegensatz zu den BewohnerInnen, müssen die KünstlerInnen die Wohnungen nicht im September 2003, sondern erst im März 2004 verlassen, was bei vielen BewohnerInnen auf Unverständnis gestossen war. Auch müssen die BewohnerInnen ihre Wohnungen geputzt an die Liegenschaftenverwaltung übergeben und Schäden wie zerbrochene Fenster reparieren, während sie zusehen, wie in KünstlerInnenwohnungen ganze Wände herausgerissen oder Balkone abmontiert werden. Das MieterInnenbüroEin MieterInnenbüro, eingesetzt als Intermediärstelle zwischen MieterInnenschaft, Stadt und Liegenschaftenverwaltung, kümmerte sich bis zum 30. September 2003 um die bisherigen BewohnerInnen und unterstützte sie bei der Wohnungssuche. Etwa drei Vierteln der BewohnerInnen konnte das MieterInnenbüro eine neue Wohnung im Raum Zürich vermitteln, vor allem in Altstetten, im Kreis 3, in Wollishofen und in Schwammendingen. Es machte ihnen ein bis zwei, im Ausnahmefall auch mehr Angebote. Diese Arbeit war nicht einfach, denn das MieterInnenbüro konnte vielen Leuten, aber nicht allen, ein zufriedenstellendes Angebot machen und musste ihnen auch Wohnungen anbieten, die von den BewohnerInnen als in einem schlechterem Zustand als diejenigen der Siedlung Bernerstrasse angesehen wurden (z.B. mit Ofenheizung) oder die ebenfalls bald renoviert oder abgerissen werden (z.B. in der Siedlung Rautistrasse). Zur Leistungskontrolle lässt das MieterInnenbüro seine Arbeit von einer unabhängigen Instanz überprüfen und wird die Resultate nächstes Jahr veröffentlichen. |
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| top^ | ©2003 Franziska Stärk | |||||||