|
|
|||||
Niyazi SoyyigitogluGrünauring 45, März 2003, Einzimmerwohnung, Mietpreis 392 FrankenIm August 1989 bin ich aus politischen Gründen als Flüchtling in die Schweiz gekommen. In der Türkei hatte ich das Lehrerseminar besucht und als Primarlehrer gearbeitet. Die ersten beiden Jahre in der Schweiz habe ich intensiv Deutsch gelernt, danach habe ich die Schule für Soziale Arbeit Zürich absolviert. Nach sechs Jahren in der Schweiz war ich diplomierter Sozialpädagoge und seither arbeite ich im Kinder- und Jugendbereich. Dieses Jahr bekomme ich den Schweizer Pass. Ich brauche ihn nicht unbedingt um Schweizer zu werden, ich lebe in beiden Welten, aber ich möchte meine politischen Rechte wahrnehmen, politisch aktiver mitwirken. Und an den Landesgrenzen möchte ich ohne Befragungen ein- und ausreisen können. 1994 kam ich zum ersten Mal in die Grünau, um mir eine Projektstelle für meine Ausbildung anzusehen. Nach langem Hin und Her bekam ich vom Gemeinschaftszentrum Grünau die Möglichkeit, zusammen mit einer Klassenkameradin ein einjähriges Projekt mit fremdsprachigen Kindern zu realisieren. Bis dahin waren viele Kinder und Jugendliche in der Grünau tagsüber ungenügend betreut, zu Hause oder auf der Strasse, weil ihre Eltern arbeiten mussten. Unsere Aufgabe war es, diesen sogenannten "Flohkindern" eine Tagesstruktur zu geben und ihnen zu mehr Orientierung zu verhelfen. Flohkinder nannten wir sie deshalb, weil es Kinder mit wenig Ausdauer und Konzentration sind. Sie sind da und im nächsten Moment sind sie weg - wie Flöhe. Wir vermittelten ihnen Ruhe, beschäftigten sie spielerisch und unterstützten sie auch schulisch. Unsere Angebote fanden im Gemeinschaftszentrum oder auf dem Robinson-Spielplatz statt. Wir realisierten viele Projekte. Zum Beispiel bauten wir zusammen mit den Kindern und Jugendlichen ein Kletternetz auf dem Robinson-Spielplatz. Einmal stellten wir sogar einen eigenen Böög auf, den wir dann im richtigen Zeitpunkt zusammen mit den Kindern anzündeten. Wir organisierten Veloflicktage, einen Räbeliechtli-Umzug und Elternabende, wo wir den Eltern die Angebote des Gemeinschaftszentrums vorstellten. Im selben Jahr vermittelte mir die Liegenschaftenverwaltung Zürich eine Einzimmerwohnung in der Grünau, denn ich wollte in der Nähe von meinem Projekt-Ort leben und in aller Ruhe meinen Projektbericht schreiben. So bin ich seit dem 15. Dezember 1994 hier in der Siedlung Bernerstrasse.
Die Grünau hat den Charakter eines Dorfes. Aus diesem Grund fühle ich mich hier wohl. Bis jetzt habe ich hier keinen Streit erlebt. Es ist ein ruhiger Ort mit verschiedenen Kulturen und Landsleuten. Man hat hier immer von Vandalismus gesprochen, aber diese Zeit ist vorbei. Ausser Schwarzabfallentsorgung sehe ich keine Probleme im Quartier. Hier haben es besonders Familien mit kleinen Kindern gut. Das Quartier verfügt über viele Erholungs- und Spielmöglichkeiten. Die Eltern können mit ihren Kindern jederzeit auf den Schulhausspielplatz gehen, bis spätabends; manchmal picknicken sie auch dort. Die Grünau ist ein lebendiges Quartier mit ganz verschiedenen Kulturen. Durch den Abbruch der Siedlung wird dieser besondere Kultur-Mix verloren gehen. So eine Zusammenstellung mit dieser Qualität findet man nicht überall. In den Sommermonaten, wenn die Sonne scheint, nehme ich mein Frühstück und meine Zeitungen mit und bleibe auf der Werdinsel bis ich zur Arbeit fahren muss. Ich erhole mich am Wasser, schwimme, liege an der Sonne und geniesse in Ruhe meine Zeit. Wegen dem Wasser und dem Grünen bin ich auch nach dem Projektjahr in der Grünau geblieben. Täglich jogge ich dem Wasser entlang Richtung Schlieren. Wenn ich nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause komme und dann joggen gehe, lasse ich in kurzer Zeit Stress und Müdigkeit hinter mir. Wegen diesen Erholungsmöglichkeiten habe ich die Lebensqualität hier sehr genossen. Es ist sehr schade, dass man uns diese Möglichkeit wegnimmt und wir in Zukunft darauf verzichten müssen. Deshalb habe ich das Gefühl, dass ich bis zur letzten Sekunde im Quartier bleiben will.
Die Bauvorschriften kenne ich nicht, aber als persönliche Meinung möchte ich sagen, dass wir BewohnerInnen ohne Veränderungen noch zehn Jahre hier glücklich hätten leben können. Der Abbruch wird damit begründet, dass eine Renovation teurer wäre als ein Neubau, aber ich teile diese Meinung nicht. Die neue Siedlung wird sicher zeitgemässer, aber mit der neuen Infrastruktur werden die Wohnungen viel teurer. Die jetzigen BewohnerInnen brauchen keine Luxuswohnungen, höchstens kleine Reparaturen. Sie wollen in Ruhe mit günstigen Mietpreisen hier leben. Niemand verlässt freiwillig seine Wohnung und meiner Meinung nach sind alle Leute traurig, weil sie in Zukunft auf die Lebensqualität der jetzigen Siedlung verzichten müssen. Zudem wird der Abbruch den Leuten finanzielle Schwierigkeiten bereiten, weil viele der BewohneriInnen unter dem Existenzminimum leben. Jetzt müssen sie eine teurere Wohnung finden, wenn sie überhaupt eine finden, und mehr bezahlen. Hier haben wir Schulhaus, Kindergarten, Krippe, Bus- und Tramhaltestelle, Post und Coop direkt vor der Türe. So viele Möglichkeiten werden die Leute kaum anderswo haben. Gegen diesen Abbruch hätten wir unsere Stimme erheben können, wie in der Riedtli-Siedlung. Wir hätten gegen den Entscheid Rekurs einlegen können, aber die Stimmlosen haben kein Recht in der Schweiz. Leute aus der Mittelschicht hätten sicher rekurrieren können und gewonnen, aber die MieterInnen der Siedlung Bernerstrasse sind hauptsächlich Gastarbeiterfamilien und Unterschichts-SchweizerInnen und wissen nicht, wie man sich gegen die Behörden wehren kann. Ihnen fehlen Information, Zeit, Geld, eine Organisation und eine Lobby. Einzelne Widerstandshandlungen und Initiativen haben zwar stattgefunden, aber ohne Erfolg. Die Stimmlosen finden kein Gehör. Ich vermute, dass hinter diesem Abbruch politische Gründe stecken. Das Grünau-Quartier ist ein Wohnort von vielen AusländerInnen; dieser Kultur-Mix ist wie ein Dorn im Auge, der verschwinden muss. Es wird behauptet, dass die MieterInnenschaft mehrheitlich AusländerInnen seien, aber das stimmt nicht ganz. Hier wohnen sehr viele Einheimische und auch sie wollen das Quartier nicht verlassen. Die Behauptung, dass man grössere und familienfreundliche Wohnungen bauen will, ist vielleicht wahr, aber mit Sicherheit wird die Miete teurer sein als jetzt. Es ist eine Vertreibung der jetzigen MieterInnenschaft aus dem Quartier. Unbewusst bringen die PolitikerInnen die MieterInnenschaft in eine finanziell schwierige Lage, was die Staatskasse belasten wird, denn manche werden wegen der höheren Mieten Fürsorgeabhängig werden. Man will die Mittelklasse ins Quartier bringen, aber ich behaupte, dass von der Mittelklasse niemand hierher kommen wird, weil das Quartier zu weit ausserhalb der Stadt liegt. Die PolitikerInnen behaupten auch, dass die Grünau ein Ghetto sei. Aber Kreuzberg in Berlin ist auch ein Ghetto und dort wohnen Einheimische und AusländerInnen friedlich nebeneinander. Ich denke, solange die Leute in Frieden zusammen leben können, ist das Ghetto nicht schlecht.
Ich finde es sehr schade, dass der MieterInnenschaft aus politischen Gründen ihre Lebensqualität genommen wird. Man hätte diese Neubaukosten in die Integration im Quartier investieren können: Sprachkurse für die Frauen, Nachhilfestunden für die Kinder und Jugendliche, Unterstützung bei der Lehrstellensuche, Informationsabende zu Rechten und Pflichten und so weiter. Einfach schade. Niyazi Soyyigitoglu lebt seit August 2003 mit seiner Lebenspartnerin in einer Dreizimmerwohnung im Kreis 3. Die Wohnung wurde ihm vom MieterInnenbüro vermittelt und gehört der Liegenschaftenverwaltung. Sie kostet 1000 Franken. |
|||||
| ©2003 Franziska Stärk |