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Brigitte und Werner Zertanna-SondereggerDezember 2002, Bändlistrasse 20, Dreizimmerwohnung, Mietpreis 628 FrankenAm 1. Mai 1959 sind wir mit unseren beiden kleinen Töchtern Jrene und Brigitte hier an die Bändlistrasse gezogen. Vorher hatten wir an der Langstrasse neben dem Kino Forum im fünften Stock gewohnt. Werner arbeitete in der Bäckerei Mohrenkopf am Helvetiaplatz. Unsere Wohnung kostete achzig Franken, bei einem Lohn von 225 Franken waren das hohe Kosten. Ein Arbeitstag dauerte mindestens zwölf Stunden, Überstunden wurden keine bezahlt. An Weihnachten haben wir nicht gefeiert, sondern geschlafen. Werner wechselte dann in die Teppichbranche und verdiente etwas mehr.
Anfangs sorgten hier zwei Hauswarte dafür, dass alle Vorschriften eingehalten wurden. Waschküche, Veloraum und Trockenraum mussten jede Woche gereinigt werden. Ballspiele im Innenhof waren verboten. Dafür gab es einen grossen Spielplatz, wo heute das Schulhaus steht. Er war von Schrebergärten umgeben, von der Meierwiesenstrasse bis zur Bändlistrasse. Gleich nebenan betrieb der Jelmoli eine Tennisanlage. Unsere Töchter verdienten dort mit Ball-Auflesen ihr erstes Sackgeld. Zur Arbeit fuhr man mit dem Velo, es gab früher kein Tram hier draussen. Später zogen sie eine Busverbindung bis zum Hardturm, die mit einem alten blauen Bus betrieben wurde. Als dieser aus dem Verkehr gezogen wurde, verabschiedeten sich die Anwohner mit einem grossen Fest von ihrem geliebten Bus. An diese Zeit können wir uns noch gut erinnern. Unsere Töchter gingen zu Fuss in den Nachbarquartieren zur Schule. Die Altstetterstrasse war durchgehend, am Bahnhof gab es Barrieren, und wo heute die Gewerbehäuser zwischen Autobahn und Bahnlinie stehen, lagen zwei bekannte Restaurants: der Frohsinn und das Bahnhöfli mit seiner wunderbaren Gartenwirtschaft. Einkaufen gingen wir in Altstetten, der Lindenplatz war unser Dorfplatz. Noch heute sagen wir: „wir gehen ins Dorf“, wenn wir nach Altstetten gehen. Haustiere waren in der Siedlung streng verboten. Wir waren wohl die ersten, die dieses Verbot gebrochen haben. Im Hof hatte ein verwilderte Katze drei Junge geworfen und sie dann verlassen. Eines davon haben wir behalten und mit der Schoppenflasche aufgezogen. Zuerst ging alles gut, aber eines Tages liessen wir aus Versehen das Stubenfenster offen und die Katze kletterte hinaus auf einen Baum und kam nicht mehr runter. Es gab ein Riesentheater und schliesslich hat der Hausabwart persönlich die Katze mit einer Leiter vom Baum geholt. Von da an durfte man in der Siedlung stillschweigend Haustiere halten, die Katze konnte bei und bleiben und wurde 19 Jahre alt. Vieles hat sich verändert, wenn wir zurückdenken. Früher herrschte hier grosse Ordnung, heute macht jeder was er will und Vorschriften werden kaum beachtet. In unserem Haus hatten alle ein gutes Verhältnis zueinander, man war immer füreinander da. Jahrelang feierte das ganze Haus in unserer Wohnung Silvester. Früher hatten wir auch einen Schrebergarten mit einem schönen Häuschen. Wir verbrachten dort viel Zeit.
Mit der Räumung unseres Gartens begann eine neue Zeit im Quartier. Die Primarschule und die Hochhäuser rundherum wurden erstellt, die Altstetterstrasse unterbrochen, die Europabrücke und die Autobahn gebaut. Immer mehr Wohn- und Geschäftshäuser belebten das Quartier, die Tramlinie wurde bis zum Werdhölzli verlängert. Die Schüler dürfen nun mit dem Bus zur Schule; man muss immer Acht geben, dass man nicht im selben Bus fährt. Hier gibt es inzwischen alles: eine Post, einen Coop, ein Restaurant und zwei Ärzte. Wir bedauern sehr, dass die Stadt unsere Siedlung so schlecht unterhalten hat und sie nun abbrechen muss. Wir haben das schon lange kommen sehen. Weil schon so viele Nachbarn weggezogen sind, tut es weniger weh. Vom MieterInnenbüro wurden uns bisher keine Wohnungen in unserem Sinn angeboten. Wahrscheinlich werden wir zu unserer älteren Tochter Jrene nach Flawil ziehen. Sie hat vier Kinder und drei Enkelkinder und so könnten wir unsere Urenkel mehr geniessen. Die 45 Jahre im Grünauquartier werden wir nie vergessen; es war eine schöne Zeit hier. Mit schwerem Herzen nehmen wir Abschied und hoffen auf einige schöne Jahre in Flawil.
Brigitte und Werner Zertanna-Sonderegger leben seit Ende Juni 2003 in Flawil in einer Dreizimmerwohnung im ehemaligen Elternhaus von Brigitte Zertanna-Sonderegger, im selben Haus wie die Familie ihrer Tochter Jrene. |
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| ©2003 Franziska Stärk |