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Deqa MohamedJuli 2003 Grünauring 49, Dreizimmerwohnung, Mietpreis CHF 759.-Ich lebe seit 10 Jahren in der Schweiz. 1993 bin ich mit meiner Familie von Somalia hierher geflüchtet und seit 1997 lebe ich in der Stadt Zürich. Vor zwei Jahren habe ich mit Hilfe meiner Berufsberaterin diese Wohnung in der Grünau bekommen. Ich wollte in der Nähe meiner Schwester in Altstetten wohnen. Ich teile die Wohnung mit einem somalischen Bekannten. Ich habe ein Zimmer für mich, er eines für sich, Stube und Küche benutzen wir gemeinsam. Seine Verlobte ist oft auch hier. Sie ist schwanger und jetzt suchen sie zusammen ein Wohnung.
Ich bin 24 Jahre alt, aber als wir in die Schweiz kamen, wusste meine Mutter nicht mehr genau, in welchem Jahr ich geboren wurde und hat mich als 81erin eingetragen. Also kam ich in die fünfte Klasse. Erst einige Jahre später konnte einer meiner älteren Brüder meine Geburtsurkunde aus Somalia schicken und da sahen wir, dass ich eigentlich eine 79erin bin. Ich bin froh, dass das passiert ist, sonst hätte ich hier nicht zur Schule gehen können, obwohl ich damit ein paar Jahre verloren habe. Gleich nach der Schule bin ich zu Hause ausgezogen, weil ich das Praktikum in Uznach machte und meine Mutter und Geschwister in Wald lebten. So lange ich dort angemeldet war, hätte ich meinen Lohn der Asylorganisation abgeben müssen. Da habe ich mir gesagt, ich arbeite doch nicht umsonst und lebe weiterhin von 500 Franken im Monat. Ich wollte finanziell unabhängig werden und bessere Chancen für eine Einbürgerung haben.
Wir sind wegen dem Bürgerkrieg aus Somalia geflohen. Bei uns gibt
es verschiedene Clans und dadurch ist das Volk gespalten, obwohl wir
fast alle Muslime sind. Früher waren die Clans nicht so wichtig;
meine Familie wusste zwar zu welchem Clan sie gehörte, aber sie
sprachen nie darüber. Doch Präsident Mohamed Siad Barre, der
seit 1969 an der Macht ist, hatte alle wichtigen Ämter mit Leuten
seines Clans besetzt und seit er 1990 gestürzt wurde, bekriegen
sich die Clans um die Präsidentschaft und die umliegenden Länder
bereichern sich am Waffenhandel. Somalia war eigentlich ein wohlhabendes
Land mit einer breiten Mittelschicht. Im Norden haben wir Ölreseven,
Gold und Diamanten, für Saudi-Arabien und Jemen waren wir wichtige
Fleischlieferanten. Doch der Krieg hat alles zerstört, jetzt gibt
es nur noch ganz Arme und ganz Reiche und die Menschen haben sich an
die Gewalt gewöhnt. Auf den Strassen basteln sich die Kinder Waffen
aus der Munition, die herumliegt und verletzten oder töten sich
und andere. Ich habe wenig Hoffnung auf Frieden, das Töten wird
immer weitergehen.
Unsere ganze Familie ist geflohen, wir waren neun Geschwister, einer meiner Brüder kam ums Leben. Jetzt sind wir über die ganze Welt verstreut: Ein Bruder lebt in Italien, zwei in London, eine Schwester in Kanada. Ich floh mit meiner Mutter, zwei Schwestern und einem Bruder in die Schweiz. Wir waren die vier Jüngsten, meine älteren Geschwister waren schon verheiratet und flohen mit ihren eigenen Familien. Fast ein Jahr lang waren wir unterwegs, erst mit dem Schiff nach Jemen, dann mit dem Flugzeug nach Italien und von dort in die Schweiz. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie wir hier angekommen sind. Erst seit ich den Schweizerpass habe, kann ich meine Geschwister besuchen, ich habe sie zehn Jahre lang nicht gesehen. Zurückgehen nach Somalia möchte ich nur noch zu Besuch. Ich denke, ich würde mit der Mentalität der Menschen dort nicht mehr zurechtkommen. Sie denken anders, leben anders, viele Dinge, die für mich normal sind, sind für die Leute dort nicht normal und umgekehrt. Man darf nicht seine eigene Meinung sagen, zu älteren Personen sowieso nicht, und wenn man es trotzdem tut, gilt man als respektlos. Bei uns in der Familie war es zwar nicht so, aber vor allem für Frauen ist es schwierig, sich durchzusetzen. Somalia ist eigentlich eines der afrikanischen Länder, wo Frauen mehr Rechte haben als anderswo, aber trotzdem werden die Ideen von Frauen nicht ernst genommen. Als Frau muss man sehr viel Power haben, um sich Respekt zu verschaffen. Die Wohnung wurde bis Ende Januar 2004 verlängert. |
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| ©2003 Franziska Stärk |