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Milostiva MijatovicSeptember 2003, Grünauring 35, Dreizimmerwohnung, Mietpreis 600 FrankenIch wurde in Medvedja geboren, einem kleinen Dorf in Jugoslawien. Ich bin vier Jahre zur Schule gegangen, danach habe ich meinen Eltern auf dem Bauernhof geholfen und mit zwanzig habe ich Rajko geheiratet. Mein Onkel hat uns miteinander bekannt gemacht; bevor wir heirateten, sind wir dreimal zusammen ausgegangen, am Sonntag war in unserem Dorf jeweils Tanz. Früher war das so, ein sehr konservatives System, zum Glück ist das heute anders. Die Frauen in Jugoslawien haben sich inzwischen emanzipiert. Ich bin immer auf der Seite der Frauen, wir müssen zusammenhalten, ich unterstütze sogar meine Schwiegertochter gegen meinen Sohn, wenn's drauf ankommt.
1975 wurde ich schwanger und kehrte für die Geburt von Valentina nach Jugoslawien zurück. Zwei Jahren später gingen mein Mann und ich wieder als Saisonniers in die Schweiz, diesmal in ein Hotel in Wäggis bei Luzern. Ich arbeitete als Zimmermädchen und Rajko am Buffet, da verdienten wir mehr als in der Küche. Valentina blieb in dieser Zeit bei Rajkos Eltern. Nach 4 Jahren als Saisonniers erhielten wir die B-Bewilligung. 1980, als ich erneut schwanger wurde, arbeiteten wir in einem Hotel in Davos. Für die Geburt meines Sohnes Velko ging ich wieder zu meinen Eltern nach Jugoslawien. Danach arbeiteten wir in Zürich in verschiedenen Hotels, bis ich in der Migros-Wengihof eine Stelle als Verkäuferin fand. Mein Mann begann damals in einem Putzinstitut zu arbeiten und wurde dort schliesslich Chef, bis er beim Lampenwechsel in einem Hallenbad von der Leiter fiel und sich den Rücken verletzte. Erst merkte er wenig von dieser Verletzung, aber mit der Zeit wurden seine Schmerzen immer schlimmer und schliesslich konnte er nicht mehr arbeiten. Bis die SUVA zu zahlen bereit war, vergingen zwei Jahre, weil Rajko nicht vom Unfall an arbeitsunfähig war. In dieser Zeit ging es uns finanziell sehr schlecht. Ich arbeitete bei der Swisscom und war zusätzlich im Stundenlohn in einer Kantine hier in der Nähe angestellt, sonst hätte es uns nicht gereicht. Das war vor etwa sechs Jahren. Einmal, als ich wieder von zu Hause zur Kantine stresste, rannte ich in der Nähe der Europabrücke über einen Fussgängerstreifen, und da hat mich ein Auto voll erwischt. Ich wurde zehn Meter weit geschleudert und erlitt tiefe Schürfwunden an Armen und Beinen. Auch im Nacken wurde ich verletzt. Ich hatte aber solche Angst, die Stelle in der Kantine zu verlieren, dass ich mich vom Autofahrer, einem Transvestiten, der sofort anhielt und sich wirklich um mich kümmerte, nicht ins Spital fahren liess. Stattdessen ging ich mit blutenden Händen und zerrissenen Kleidern zur Arbeit. Heute leide ich noch immer unter den Spätfolgen dieses Unfalls. Ich habe furchtbare Nackenschmerzen, die sich bis ins Herz hinunter ziehen und manchmal verliere ich einfach das Bewusstsein. Inzwischen mache ich verschiedene Therapien. Bei der Swisscom bin seit einem Jahr krankgeschrieben. Ich bekomme 1800 Franken im Monat und auch das nur dank dem Eingreifen meiner Gewerkschaft. Der Arbeitgeber wollte mir erst nur achtzig Prozent der Taggeldversicherung auszahlen. Mein Mann erhält von der SUVA 1500 Franken im Monat. Das ist alles, was wir haben - nach einem Leben harter Arbeit. Nicht besonders viel.
Unsere beiden Kinder leben inzwischen auch in der Schweiz. Valentina kam mit fünfzehn nach der achten Klasse her und absolvierte nach einem Jahr Integrationskurs die Pflegerinnenausbildung im Waidspital. Seit zehn Jahren arbeitet sie in einem Zürcher Altenheim und hat inzwischen eine Tochter, die fünfzehn Monate alt ist. Seit ich krankgeschrieben bin, kümmere ich mich oft um dieses Mädchen, sonst würde mir die Decke auf den Kopf fallen, denn mein Mann ist viel bei seinen Eltern und unserer alten Hündin Lily in Jugoslawien. Mein Sohn Velko ist vor etwa zwei Jahren mit seiner Frau Lidia in die Schweiz gezogen. In Jugoslawien hat er sich nach der Schule eine Zeit lang als Automechniker und -Spengler durchgeschlagen, aber mit dem Krieg und dann mit den US-Bombardierungen hat sich die wirtschaftliche Lage so verschlechtert, dass es für die jungen Leute wenig Perspektiven gibt. Inzwischen haben Velko und Lidia auch ein Kind. Im Moment sind beide arbeitslos und lernen Deutsch. Ob sie hier bleiben wollen, weiss ich nicht, sie haben grosses Heimweh. Ich bin mit meinem Mann vor zwölf Jahren in die Grünau gezogen. Vorher lebten wir in verschiedenen Notwohnungen. Hier wohnen wir sehr gern und Probleme haben wir noch nie gehabt. Ich bin bis vor einem Jahr jeden Tag morgens früh zur Arbeit gegangen und spät nachts nach Hause gekommen. Ich bin immer höflich zu den Leuten, grüsse sie auf der Strasse und die Leute sind auch höflich zu mir. Mit dem MieterInnenbüro haben wir leider keine guten Erfahrungen gemacht, alle Wohnungen, die sie uns angeboten haben, waren in einem schlechten Zustand. Wir leben seit zwei Jahren zu fünft in einer Dreizimmerwohnung, mit unserem Sohn, unserer Schwiegertochter und unserem Enkelkind. Dann aber hatten wir bei unserer letzten Wohnungsbesichtigung an der Zentralstrasse Glück. Die Wohnung dort war zwar wieder unmöglich, diesmal mit Ofenheizung, aber der Verwalter war sehr nett und wir schilderten ihm unsere Situation. Inner zwei Wochen hat er uns dann zwei Dreizimmerwohnungen an der Hardstrasse vermittelt, beide günstig, in gutem Zustand, einander gegenüber gelegen. Milostiva und Rajko Mijatovic leben seit September 2003 in einer subventionierten Dreizimmerwohnung der städtischen Liegenschaftenverwaltung für 798 Frenken im Kreis 4. Velko und Lidia Mijatovic leben mit ihrem Sohn Michaelo seit Oktober 2003 in einer Dreizimmerwohnung für 900 Franken in derselben Siedlung. |
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| ©2003 Franziska Stärk |