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Dario FernandesMärz 2003, Grünauring 45, Einzimmerwohnung, Mietpreis 449 FrankenIch bin als Einjähriger mit meinem portugiesischen Vater und meiner Schweizer Stiefmutter aus Portugal in die Grünau gekommen. Fast achtzehn von meinen neunzehn Lebensjahren habe ich hier verbracht. Dazwischen wohnte ich zweimal kurz in Portugal. Ich kenne meine richtige Mutter kaum, wenn ich mit ihr telefoniere, sieze ich sie. Es ist besser, wenn man sich siezt, dann hat man mehr Respekt. Wenn ich mit meinem Vater streite, sieze ich ihn auch. Dann raste ich weniger schnell aus. Ich habe eine Zwillingsschwester. Wir kamen drei Monate zu früh zur Welt. Man gab mir fast keine Überlebenschancen und verlegte mich nach Lissabon in eine Spezialklinik. Meine Mutter sagte meinem Vater nichts von mir, damit er nicht enttäuscht wäre, wenn ich sterben würde. Aber der Arzt hat sich verschwätzt, als er meinen Vater sagte: „Ihrem Sohn geht es besser“. Da hat mein Vater zu meiner Mutter gesagt: „Warum musste das ausgerechnet dem Sohn passieren?“ Deswegen haben meine Eltern gestritten und zum Schluss haben sie sich getrennt.
Als ich 16 war, haben sich mein Vater und meine Stiefmutter getrennt. Das war eine schwierige Zeit für mich, ich wusste nicht, auf welche Seite ich mich stellen sollte. Ich schlug mich mit meinem Vater und einmal auch mit meiner Mutter. Erst wollte sie mich deswegen bei der Polizei anzeigen, aber dann hat sie mir sechs Monate später ihre Hochzeitseinladung geschickt und wir haben uns wieder versöhnt. Sie ist jetzt mit einem Schweizer verheiratet und lebt in Baselland. Ich bin mit viel Gewalt aufgewachsen. Als ich in die zweite Klasse ging, begann mein Vater mit seinen Kollegen vom Bau zu trinken, betrug meine Mutter und schlug sie und uns Kinder regelmässig. Manchmal kam er so betrunken nach Hause, dass wir ihn die Treppe hinauftragen mussten. Er lebte über seine Verhältnisse, nahm Kredite auf, leaste ein Auto, fuhr zwei Jahre lang ohne Fahrausweis herum, bis ihn die Polizei erwischte. Für uns Kinder war das sehr belastend, mein jüngerer Bruder wurde gewalttätig und kam ins Heim, meine Schwester und der andere Bruder haben alles in sich reingefressen, sind heute beide übergewichtig. Der Alkohol hatte schon die Familie meines Vaters zerstört. Sein eigener Vater hatte früher in Portugal ein Restaurant betrieben, aber wegen der Trinkerei hat er alles verloren und seine Frau ist ihm davongelaufen. Danach musste mein Vater für seinen Vater betteln gehen. Nach der dritten Klasse brach er die Schule ab und arbeitete auf dem Feld. Später betrieb er mit seinem Bruder ein Malergeschäft, aber der Bruder begann auch zu trinken und verlor sein Geschäft. Mit dreiundzwanzig ist mein Vater ohne nichts in die Schweiz gekommen. Hier hat er alles erreicht: Arbeit, Geld, Familie mit einer Schweizerin, und durch den Alkohol hat er alles wieder verloren. In der Trennungszeit meiner Eltern habe ich die Realschule geschmissen. Ich ging einfach nicht mehr hin. Meine Eltern merkten es gar nicht, denn meine Mutter war bei ihrem Freund und mein Vater auf der Arbeit. Die Lehrerbriefe habe ich abgefangen und weggeworfen. Schliesslich fanden es meine Eltern doch heraus und wir einigten uns darauf, dass ich mit der Schule aufhörte, denn ich hätte es nie geschafft, all den verpassten Stoff wieder aufzuholen. Ich wollte arbeiten gehen und Geld verdienen. Erst habe ich in einer Reinigungsfirma gearbeitet, dann temporär auf dem Bau. Dann wurde ich arbeitslos. Von meinem Geld habe ich nichts gesehen, denn alles ist aufs Konto meines Vaters geflossen, weil er für mich kein eigenes Konto eröffnen liess. Mein Vater schuldet mir bis heute 40'000 Franken. Vor zwei Jahren ist er nach Portugal zurückgegangen, weil er keine Alimente mehr für seine Ex-Frau und seine Kinder bezahlen wollte. Er verdiente monatlich etwa 4400 Franken, davon hätte er bis auf 1800 Franken alles abgeben müssen. Ich bin alleine in der Grünau geblieben und eigentlich wollte ich unsere alte Drei-Zimmer-Wohnung behalten, aber mein Vater war mit der Miete in Verzug. Also bin ich in diese Einzimmerwohnung gezogen und bezahlte daneben die Miete ab, die mein Vater noch schuldete. Die Liegenschaftenverwaltung hat zuerst viel Stress gemacht, weil ich hier alleine leben würde. Sie wollten mir alles verbieten: laut Musik hören, Leute einladen, den Schlüssel ausleihen, kiffen und so weiter. Als ob sie meine Eltern wären. Erst nachdem meine Stiefmutter eingegriffen hat, wurde es ruhig. Vor einem Jahr hat mich mein Stiefvater dazu überredet, eine Lehre als Verkehrswegbauer zu absolvieren. Er hat gesagt, dass er mich unterstützen würde, wenn ich eine Lehre mache. Er hat bei seiner Firma in Uster für mich angefragt. Erst habe ich dort geschnuppert, dann haben sie mich genommen. Die Lehre gefällt mir und ich weiss, dass ich sie durchziehen werde. Ich verdiene gut, fast wie wenn ich richtig arbeiten würde. Aber ich habe mehr Ferien, gehe zur Schule und muss keine Schicht- und keine Wochenendarbeit machen. Ich möchte das Gegenteil sein von meinem Vater, ich möchte später viel Geld verdienen und etwas erreichen, vielleicht Polier werden. Ich blicke nach vorn, nicht zurück. Im Herbst kehrt mein Vater in die Schweiz zurück. Ich habe ihm eine Arbeit besorgt, in einer Reinigungsfirma. Er trinkt jetzt nicht mehr so viel wie früher.
Wir Jugendlichen hier sind wie eine grosse Familie. Wir halten zusammen und alle helfen einander. Istvan Kovacs, der früher auf dem Robinson-Spielplatz gearbeitet hat, ist für uns wie ein Grossvater. Zu ihm können wir immer gehen, um zu reden. Ich habe ihn als Vierjährigen kennen gelernt, als ich mich im Quartier verirrt hatte. Die Grünau ist wie ein Dorf, hier hast du deine Leute, alle wohnen zusammen, gehen zusammen zur Schule, man legt füreinander die Hand ins Feuer. Niemand verpetzt einen, sonst wäre ich viel öfter bei den Bullen gelandet. Meine Freunde sind vor allem Spanier und Portugiesen, auch Albaner, Serben und Italiener. Meine Freundin Tannaz ist Iranerin. Wir sind schon seit einem Jahr zusammen. Die Grünau ist ein guter Ort zum aufwachsen, weil es hier viele Kinder gibt. Aber die Grünau ist auch ein Problemquartier, weil alle hier irgendwelche Schwierigkeiten haben. Die Liegenschaftenverwaltung sagt, dass hier das „grösste Pack“ lebt. Aber es ist nicht so wie an der Langstrasse. Hier herrscht ein Krieg zwischen den alten Schweizern und den Jungen. Die Alten machen die Jungen an und die Jungen die Alten. Einmal hat mir ein Nachbar eine Knarre an den Kopf gehalten. Es war elf Uhr abends, ich war mit Kollegen draussen, da kam er runter, hat gesagt, dass er uns alle der Reihe nach dran nehmen würde. Meine Kollegin gab ihm eine freche Antwort und plötzlich hatte ich eine neun Millimeter am Kopf. Es gibt hier viele Schweizer, die mega rechts sind, gegen Ausländer und so. Sie schauen einen schräg an und machen abschätzige Bemerkungen. Eine alte Frau hat mich als Kind auf dem Spielplatz als „Ungeziefer“ bezeichnet. Diese Frau ist auch schon dreimal mit dem Pfefferspray auf mich losgegangen und hat mich im Schülerbus mit dem Schirm geschlagen, weil ich als Kind vor ihrem Fenster Fussball gespielt habe. Sie hat es richtig auf mich abgesehen. Aber sie ist über achzig Jahre alt, da kannst du dich nicht wehren, sonst heisst es nachher, du hättest eine alte Frau geschlagen. Die meisten Provokationen und Schlägereien gibt es an den Quartierfesten, wenn die Leute betrunken sind. Am letzten Grünaufest gab es vier Schlägereien zwischen Jungen und Alten. Als Kind konnte ich um acht Uhr aufstehen, wenn ich um Viertel nach Acht in der Schule sein musste. Ich ging in den Finken zur Schule, die gleich über die Strasse ist. In der Zehn-Uhr-Pause konnte ich schnell heim fernsehen gehen und in der sechsten Klasse sind wir uns in der Pause bei einer Kollegin betrinken gegangen. Aber hier kannst du nie schwänzen, hier ist Schwänzen die Hölle. Die Lehrer kommen dich zu Hause holen. Einmal hatte ein Lehrer sogar den Fiebermesser dabei. Ich war in der Schule ein schwieriges Kind, ab der fünften Klasse hatten mir die Lehrer nichts mehr zu sagen. Da stand ich manchmal auf und sagte: „Wer ist für den Lehrer und wer ist für mich?“ und die ganze Klasse hat für mich gestimmt. Das war Demokratie. Ich bin allergisch auf Lehrer, weil sie meinen, dass sie immer Recht haben und uns schuften lassen. Jetzt gehe ich in die Berufsschule Suhrsee. Wir haben dort Blockwochen. Das Schulareal ist grösser als die ganze Grünau. Es ist wie in Alcatraz: viele Regeln, man darf nicht rauchen, keine Musik hören, es gibt nur Männer. Pro Woche sind dort 700 Schüler. Alles Leute vom Bau. Es ist scheisse, dass wir hier rausmüssen. Ich will nicht weg von der Grünau. Ich will meine Kollegen nicht verlieren. Ich brauche meine Leute, ich verbringe meine ganze Freizeit hier mit ihnen, wir hängen zusammen zu Hause herum oder gehen gemeinsam in den Ausgang. Aber wir können nichts anderes machen als zu akzeptieren. Ich hoffe, dass ich hier in der Nähe ein Wohnung finde. Seit Juni 2003 wohnt Dario Fernandes in einer Zweizimmerwohnung der Liegenschaftenverwaltung in der Nähe des Albisriederplatzes. Die Wohnung mit Ofenheizung wurde ihm vom MieterInnenbüro vermittelt und kostet 629 Franken. |
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| ©2003 Franziska Stärk |